Meine heutige Tour beginnt im kleinen Guigoven, nordwestlich von Tongeren. Nur wenige Straßen, ein ruhiger Ausgangspunkt und eine gute Möglichkeit, den Wagen abzustellen. Darauf achte ich bei der Auswahl meiner Startorte immer: Das Auto soll gut stehen können, ohne jemanden zu stören.
Gleich am Anfang steht das weiße Kasteel de Donnea. Das Herrenhaus entstand 1801 und 1802, über den Eingängen stehen lateinische Sprüche wie „Parva domus, magna quies“ – kleines Haus, große Ruhe. Passender könnte der Start in einen stillen Morgen kaum sein.
Es ist noch kühl, und über den Wiesen liegt dichter Dunst. Die Sicht reicht nicht weit. Baumreihen lassen sich am Rand des Sichtbaren gerade noch erahnen. Das gibt der Landschaft eine besondere Ruhe. Ich laufe los, hinein in diesen diesigen Morgen, gespannt darauf, was mich auf den Feldwegen und in den nächsten Dörfern erwartet.
Am Weg stehen kleine Kapellen, in die man hineinschauen kann. Sie sind liebevoll gepflegt – schöne kleine Entdeckungen zwischen den Wiesen und Ortschaften.
In Gors-Opleeuw taucht hinter einer Wiese das nächste Schloss aus dem Nebel auf: Kasteel van Gors. Bewohnt ist der Ort schon seit dem 13. Jahrhundert, das heutige weiße Schloss im spätklassizistischen Stil stammt von 1820. Gleich daneben steht die alte Kasteelhoeve – von einer Scheune ist nur noch das Gerippe übrig.
Unterwegs begegnen mir immer wieder Tiere: mal ein Schaf, mal ein Pferd, mal ein Galloway-Rind.
Ein Stück weit folge ich der alten Spoorlijn 23. Die Bahn fuhr ab 1879 bis nach Tongeren und hieß im Volksmund Fruitspoor, weil sie vor allem Obst zu den Sirupfabrieken der Gegend brachte. Personenzüge fahren hier schon seit 1957 nicht mehr, heute ist die Trasse ein Radweg – und unter ihr führt ein alter Tunnel hindurch.
Inzwischen wird die Sicht etwas besser. Die Bäume am Horizont treten deutlicher hervor, während Dunstschwaden nach oben ziehen. Das wirkt stellenweise fast ein wenig unheimlich, bleibt aber vor allem schön und still. Der Nebel lässt den Blick bei den wenigen Dingen verweilen, die sich gerade zeigen. Es gibt weniger Ablenkung, und vielleicht nehme ich genau deshalb manches bewusster wahr.
Weiter geht es an kleinen Weinflächen vorbei. Aus Kisten sind Sitzgelegenheiten gebaut, auf denen man eine Weile verweilen könnte. Sogar eine kleine Knospe entdecke ich schon – ein erstes Zeichen dafür, was hier im Laufe des Jahres noch wachsen wird.
Haspengouw ist eigentlich für sein Obst bekannt, aber rund um Kerniel wird auch Wein angebaut. Auf der Anhöhe gegenüber liegt die Abtei Colen, das älteste der drei Klöster, die die Kreuzherren im 15. Jahrhundert in den südlichen Niederlanden gegründet haben.
Dann führt mich der Weg wieder tiefer in die Natur, über kleine Holzbrücken und an Wasserläufen entlang.
Bei Herten laufe ich durch die Broekbeemd. „Beemd“ steht für eine feuchte Heuwiese im Bachtal, und genau so fühlt es sich an: Holzstege führen über nasse Stellen, Quellen speisen kleine Weiher, die in die Herk abfließen. Das Kalkmoor hier ist eine echte Seltenheit – in ganz Flandern gibt es davon nur rund zehn Hektar.
Der größte Ort, an dem ich vorbeikomme, ist Wellen. Schon der Name hat mich neugierig gemacht, denn bisher kenne ich den Ort noch nicht. Er bedeutet übrigens so viel wie „aus dem Boden quellendes Wasser“ – das passt zu den Quellen in der Broekbeemd. Mit seinen Fahnen wirkt der Ort einladend und hübsch hergerichtet. „Wild van Wellen“ steht darauf.
Im Park steht die neugotische Kapelle der Ursulinen von 1899, die hier lange eine Mädchenschule führten. Ein paar Schritte weiter ragt der Turm der Sint-Jan-de-Doperkerk auf: romanisch, aus Feuerstein gemauert, im 12. Jahrhundert gebaut.
Zum Nachmittag zeigt sich tatsächlich ein Stück blauer Himmel. Zwischen dem nachlassenden Dunst werden Blau und Grün deutlicher, und die Landschaft bekommt ein anderes Licht. An der Herk liegt die Graetmolen, eine Getreidemühle, die schon vor 1236 gegründet wurde. Das Wasserrad ist längst verschwunden, heute wohnt jemand im Mühlengebäude.
Auch der neblige Morgen hatte seinen ganz eigenen freundlichen Charakter. Jetzt aber zeigen sich die ersten Vorboten der schönen Jahreszeit: noch zaghaft, doch schon gut zu erkennen.
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