Eine fotografische Reise durch Ostbelgien im Dreiländereck – wo 103 Jahre lang ein einzigartiges Niemandsland existierte
Historische Dorfkirche in der Region Moresnet
Eine Tour durch ein Kuriosum der Geschichte
Bei meiner heutigen Tour bin ich durch Hauet, Montzen, Lontzen und Moresnet gelaufen – eine Region, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, aber eine der faszinierendsten Geschichten Europas verbirgt. Hier, im Dreiländereck zwischen Belgien, Deutschland und den Niederlanden, lag einst Neutral-Moresnet: ein winziges Territorium, das 103 Jahre lang keinem Staat angehörte.
- Neutral-Moresnet existierte von 1816 bis 1920
- Fläche: nur 3,4 km² (etwa 344 Hektar)
- Bis zu 4.668 Einwohner in Spitzenzeiten
- Nur ein einziger Polizist für das gesamte Territorium
- Grund: Streit um wertvolle Zinkerzgruben
Wie entsteht ein Niemandsland mitten in Europa?
Nach dem Fall Napoleons musste der Wiener Kongress von 1814-15 die europäische Landkarte neu ordnen. Bei der Grenzziehung zwischen dem neu gegründeten Vereinigten Königreich der Niederlande und dem Königreich Preußen stellte sich der Bezirk Moresnet als problematisch heraus – hauptsächlich wegen der wertvollen Zinkspatgrube “Vieille Montagne”.
Ehemaliger Steinbruch mit den typischen farbigen Erdschichten der Zinkabbauregion
Die farbenprächtigen Gesteinsschichten zeugen vom Reichtum an Mineralien
Am 26. Juni 1816 wurde ein Kompromiss erreicht: Der Bezirk Moresnet wurde in drei Teile geteilt. Die Niederlande absorbierten das Dorf Moresnet selbst, Preußisch-Moresnet wurde Teil der preußischen Rheinprovinz, und die Grube samt angrenzendem Dorf wurde zu einem neutralen Territorium – bis zu einer zukünftigen Einigung, die nie kam.
Das weiße Gold: Zinkbergbau in Kelmis
- Kelmis verfügte über eines der größten Zinkreserven Europas
- Die Vieille Montagne war zeitweise der größte Zinkproduzent der Welt
- Etwa die Hälfte der Dächer von Paris wurden aus Kelmiser Galmei gefertigt
- Der Bergbau prägte die Region vom Mittelalter bis Ende des 19. Jahrhunderts
- Der Name “Kelmis” leitet sich vom Zinkerz Galmei ab (regional “kelme”)
Alter Stolleneingang – Zeuge der Bergbauvergangenheit
Leben im Niemandsland
Für 103 Jahre existierte damit mitten in Europa ein kurioses Staatsgebilde. Die neutralen Verhältnisse machten Moresnet zu einem attraktiven Ort für Schmuggler, Glücksspieler und alle, die staatlicher Kontrolle entgehen wollten. Es gab sogar Bestrebungen, aus Neutral-Moresnet einen Esperanto-Staat namens “Amikejo” (Freundschaftsort) zu machen.
Schloss Lontzen – ein Wasserschloss mit Geschichte bis ins 13. Jahrhundert
Die Region heute
Der Waffenstillstand zwischen Frankreich und Deutschland im November 1918 zwang Deutschland zum Rückzug aus Neutral-Moresnet. Der Versailler Vertrag sprach Neutral-Moresnet Belgien zu, und ab Januar 1920 wurde es zur Gemeinde Kelmis.
Moderner Wasserturm – markantes Wahrzeichen der Region
Historische Bauwerke
Die Region ist reich an historischen Kirchen und Bauwerken, die Zeugnis ablegen von der bewegten Geschichte.
Romanische Dorfkirche
Neugotische Pfarrkirche
Historisches Eingangstor zu einem Herrensitz
Wegekapelle – ein typischer Anblick auf Wanderwegen der Region
Moderne Infrastruktur
Die Region ist gut erschlossen und zeigt interessante Kontraste zwischen Tradition und Moderne.
Eisenbahnbrücke im Grenzgebiet
Moderne “Mitfahrbank” vor historischem Herrenhaus – eine innovative Mobilitätslösung für ländliche Gebiete
Die Landschaft
“Bei der heutigen Tour bin ich durch eine Landschaft gelaufen, die zur Jahreszeit sehr matschig ist und durch die vielen Felder und das trübe Wetter nicht so attraktiv wirkt. Aber dann gab es doch Highlights wie den ‘Lindengraben’ – ein richtig schöner Trail mit einem kleinen Bachlauf, kleinen Brücken und gestützten Holzkästen gegen den Schlamm. Das fand ich schon ganz gut.”
Typischer Feldweg durch die ostbelgische Hügellandschaft
Die sanfte Hügellandschaft Ostbelgiens
Wasserwege und Bäche
Mäandernder Bach in der Flussaue
Naturschutzgebiet “Die Dord”
Der “Lindengraben” – das Highlight der Tour mit seinem naturbelassenen Bachlauf
Natur im Detail
Einheimische Bewohnerin
Baum mit Biberspuren
Besucherinformationen
Das Museum befindet sich im ehemaligen Direktionsgebäude der Gesellschaft von 1910 und dokumentiert die Geschichte des Bergbaus sowie das einzigartige politische und soziale Leben in Neutral-Moresnet.
Weitere Highlights:- Casinoweiher: Fünf Minuten vom Museum entfernt; historischer Ort, an dem Erze gewaschen wurden
- Grenzsteine: Mehr als 50 der 60 historischen Grenzsteine können noch gefunden werden
- Pennings-Häuser: Zu den ältesten erhaltenen Häusern in Kelmis
Fazit
Diese Tour durch die Region Moresnet war eine Reise in eine faszinierende Vergangenheit. Was heute als beschauliche ostbelgische Landschaft erscheint, war einst Schauplatz eines einzigartigen historischen Experiments: eines Niemandslandes mitten in Europa, getrieben von wirtschaftlichen Interessen und diplomatischen Verwicklungen.
Die Spuren dieser Geschichte sind noch heute sichtbar – in den aufgelassenen Steinbrüchen mit ihren farbenprächtigen Erdschichten, in den erhaltenen Grenzsteinen, und in der einzigartigen Lage im Dreiländereck. Auch wenn die Landschaft im grauen Vorfrühling nicht ihre schönste Seite zeigt, lohnt sich ein Besuch dieser geschichtsträchtigen Region allemal.
Denkmal für die Bergbaugeschichte



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