Fototour durch Neutral-Moresnet: Auf den Spuren eines vergessenen Niemandslandes

Eine fotografische Reise durch Ostbelgien im Dreiländereck – wo 103 Jahre lang ein einzigartiges Niemandsland existierte

📍 Region Kelmis/Moresnet, Ostbelgien | 📅 8. Februar 2026 | 📸 27 Bilder

Steinkirche mit hohem Glockenturm und Uhr unter bewölktem Himmel in einem belgischen Dorf. Die Kirche zeigt romanische und neugotische Architekturelemente mit einem markanten quadratischen Turm und rundbogigem Haupteingang.

Historische Dorfkirche in der Region Moresnet

Eine Tour durch ein Kuriosum der Geschichte

Bei meiner heutigen Tour bin ich durch Hauet, Montzen, Lontzen und Moresnet gelaufen – eine Region, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, aber eine der faszinierendsten Geschichten Europas verbirgt. Hier, im Dreiländereck zwischen Belgien, Deutschland und den Niederlanden, lag einst Neutral-Moresnet: ein winziges Territorium, das 103 Jahre lang keinem Staat angehörte.

Das Wichtigste in Kürze:
  • Neutral-Moresnet existierte von 1816 bis 1920
  • Fläche: nur 3,4 km² (etwa 344 Hektar)
  • Bis zu 4.668 Einwohner in Spitzenzeiten
  • Nur ein einziger Polizist für das gesamte Territorium
  • Grund: Streit um wertvolle Zinkerzgruben

Wie entsteht ein Niemandsland mitten in Europa?

Nach dem Fall Napoleons musste der Wiener Kongress von 1814-15 die europäische Landkarte neu ordnen. Bei der Grenzziehung zwischen dem neu gegründeten Vereinigten Königreich der Niederlande und dem Königreich Preußen stellte sich der Bezirk Moresnet als problematisch heraus – hauptsächlich wegen der wertvollen Zinkspatgrube “Vieille Montagne”.

Aufgelassener Steinbruch mit See und charakteristischen orangefarbenen und roten Erdschichten. Die geologischen Formationen zeigen Zink- und Erzablagerungen der ehemaligen Bergbauregion.

Ehemaliger Steinbruch mit den typischen farbigen Erdschichten der Zinkabbauregion

Dramatische mehrfarbige Gesteinsschichten am Rand eines Steinbruchsees mit orangefarbenen, roten und grauen Lagen. Die exponierten Erdschichten dokumentieren die mineralreiche Geologie der ehemaligen Zinkabbauregion.

Die farbenprächtigen Gesteinsschichten zeugen vom Reichtum an Mineralien

Am 26. Juni 1816 wurde ein Kompromiss erreicht: Der Bezirk Moresnet wurde in drei Teile geteilt. Die Niederlande absorbierten das Dorf Moresnet selbst, Preußisch-Moresnet wurde Teil der preußischen Rheinprovinz, und die Grube samt angrenzendem Dorf wurde zu einem neutralen Territorium – bis zu einer zukünftigen Einigung, die nie kam.

Das weiße Gold: Zinkbergbau in Kelmis

Erstaunliche Fakten zum Zinkabbau:
  • Kelmis verfügte über eines der größten Zinkreserven Europas
  • Die Vieille Montagne war zeitweise der größte Zinkproduzent der Welt
  • Etwa die Hälfte der Dächer von Paris wurden aus Kelmiser Galmei gefertigt
  • Der Bergbau prägte die Region vom Mittelalter bis Ende des 19. Jahrhunderts
  • Der Name “Kelmis” leitet sich vom Zinkerz Galmei ab (regional “kelme”)
Verschlossener Stolleneingang in einen Hügel mit Eisengitter vor steinerner Portalfassade. Der alte Minenschacht zeigt rötliche Verfärbungen vom austretendem eisenhaltigem Wasser der Bergbauregion.

Alter Stolleneingang – Zeuge der Bergbauvergangenheit

Leben im Niemandsland

Für 103 Jahre existierte damit mitten in Europa ein kurioses Staatsgebilde. Die neutralen Verhältnisse machten Moresnet zu einem attraktiven Ort für Schmuggler, Glücksspieler und alle, die staatlicher Kontrolle entgehen wollten. Es gab sogar Bestrebungen, aus Neutral-Moresnet einen Esperanto-Staat namens “Amikejo” (Freundschaftsort) zu machen.

Historisches Wasserschloss mit Wassergraben umgeben von kahlen Bäumen im Vorfrühling. Die Burganlage aus Naturstein liegt malerisch hinter einer Steinbrücke in einer grünen Parklandschaft.

Schloss Lontzen – ein Wasserschloss mit Geschichte bis ins 13. Jahrhundert

Die Region heute

Der Waffenstillstand zwischen Frankreich und Deutschland im November 1918 zwang Deutschland zum Rückzug aus Neutral-Moresnet. Der Versailler Vertrag sprach Neutral-Moresnet Belgien zu, und ab Januar 1920 wurde es zur Gemeinde Kelmis.

Moderner Wasserturm in skelettartiger Betonarchitektur mit zylindrischem Reservoir. Die offene Konstruktion mit vertikalen Betonstreben zeigt typische Ingenieurbauweise der Nachkriegszeit.

Moderner Wasserturm – markantes Wahrzeichen der Region

Historische Bauwerke

Die Region ist reich an historischen Kirchen und Bauwerken, die Zeugnis ablegen von der bewegten Geschichte.

Romanische Dorfkirche mit grauem Steinturm und rotem Ziffernblatt unter dramatischem Wolkenhimmel. Der Kirchturm zeigt charakteristische Rundbogenfenster und einen spitzen Schieferhelm.

Romanische Dorfkirche

Großes neugotisches Kirchengebäude aus hellem Naturstein mit hohen Spitzbogenfenstern. Die imposante Kirche zeigt typische Merkmale des 19. Jahrhunderts mit Strebepfeilern und Satteldach.

Neugotische Pfarrkirche

Historisches Steintor mit barockem Giebel und Wappen als Eingang zu einem Anwesen. Das verwitterte Torhaus aus Bruchstein markiert den repräsentativen Zugang zu einem Herrensitz.

Historisches Eingangstor zu einem Herrensitz

Kleine weiße Wegekapelle mit roter Holztür, Glockenturm und Kreuz. Die gepflegte Feldkapelle mit traditioneller Laterne dient als religiöser Rastplatz am Wanderweg.

Wegekapelle – ein typischer Anblick auf Wanderwegen der Region

Moderne Infrastruktur

Die Region ist gut erschlossen und zeigt interessante Kontraste zwischen Tradition und Moderne.

Moderne Eisenbahnbrücke mit roter Stahlkonstruktion über bewaldetes Tal. Die Hochbrücke mit charakteristischen Fachwerkträgern ist Teil der wichtigen Bahnstrecke im deutsch-belgischen Grenzgebiet.

Eisenbahnbrücke im Grenzgebiet

Altes Herrenhaus aus Naturstein mit Wassergraben und moderner Mitfahrbank. Das blaue Schild mit Daumen-Symbol zeigt 'Mitfahrbank' an – ein Ridesharing-Konzept für ländliche Gebiete.

Moderne “Mitfahrbank” vor historischem Herrenhaus – eine innovative Mobilitätslösung für ländliche Gebiete

Die Landschaft

“Bei der heutigen Tour bin ich durch eine Landschaft gelaufen, die zur Jahreszeit sehr matschig ist und durch die vielen Felder und das trübe Wetter nicht so attraktiv wirkt. Aber dann gab es doch Highlights wie den ‘Lindengraben’ – ein richtig schöner Trail mit einem kleinen Bachlauf, kleinen Brücken und gestützten Holzkästen gegen den Schlamm. Das fand ich schon ganz gut.”
Unbefestigter Feldweg entlang einer Hecke mit Blick auf ein ländliches Dorf unter bewölktem Himmel. Der Wanderpfad führt durch die sanfte Hügellandschaft Ostbelgiens.

Typischer Feldweg durch die ostbelgische Hügellandschaft

Saftig grüne Wiese im Frühling mit bewaldeten Hügeln und Ortschaft im Hintergrund. Die sanfte Hügellandschaft zeigt die typische ostbelgische Kulturlandschaft mit Grünland und Wäldern.

Die sanfte Hügellandschaft Ostbelgiens

Wasserwege und Bäche

Weidelandschaft mit mäanderndem Bach und einzelnem Baum vor bewölktem Himmel. Die typische belgische Flussaue zeigt natürliche Uferbewachung und saftige Wiesen.

Mäandernder Bach in der Flussaue

Kleiner Bach mit Holzgeländer und Informationsschild an einem Wanderweg. Das Naturschutzgebiet 'Die Dord' ist durch ein Wegweiserschild gekennzeichnet.

Naturschutzgebiet “Die Dord”

Waldbach mit moosbedeckten Steinen und Felsen im Herbstlaub. Der 'Lindengraben' genannte Bachlauf fließt durch einen naturbelassenen Laubwald mit charakteristischem Mikroklima.

Der “Lindengraben” – das Highlight der Tour mit seinem naturbelassenen Bachlauf

Natur im Detail

Hellbraune Ziege steht auf einer grünen Weide vor bewaldeten Hügeln. Das Tier mit langen Hörnern präsentiert sich stolz in ländlicher belgischer Landschaft.

Einheimische Bewohnerin

Alter Baum mit großer Höhlung und Biberfraßspuren am Stamm neben einem Bach. Die Nagespuren am Holz zeugen von aktiver Biberpopulation in der Region.

Baum mit Biberspuren

Besucherinformationen

Museum Vieille Montagne in Kelmis:

Das Museum befindet sich im ehemaligen Direktionsgebäude der Gesellschaft von 1910 und dokumentiert die Geschichte des Bergbaus sowie das einzigartige politische und soziale Leben in Neutral-Moresnet.

Weitere Highlights:
  • Casinoweiher: Fünf Minuten vom Museum entfernt; historischer Ort, an dem Erze gewaschen wurden
  • Grenzsteine: Mehr als 50 der 60 historischen Grenzsteine können noch gefunden werden
  • Pennings-Häuser: Zu den ältesten erhaltenen Häusern in Kelmis

Fazit

Diese Tour durch die Region Moresnet war eine Reise in eine faszinierende Vergangenheit. Was heute als beschauliche ostbelgische Landschaft erscheint, war einst Schauplatz eines einzigartigen historischen Experiments: eines Niemandslandes mitten in Europa, getrieben von wirtschaftlichen Interessen und diplomatischen Verwicklungen.

Die Spuren dieser Geschichte sind noch heute sichtbar – in den aufgelassenen Steinbrüchen mit ihren farbenprächtigen Erdschichten, in den erhaltenen Grenzsteinen, und in der einzigartigen Lage im Dreiländereck. Auch wenn die Landschaft im grauen Vorfrühling nicht ihre schönste Seite zeigt, lohnt sich ein Besuch dieser geschichtsträchtigen Region allemal.

Moderne Steinskulptur oder Gedenkstein auf Kiesplatz vor bewölktem Himmel. Die verwitterte Formation könnte ein Denkmal für die Bergbaugeschichte der Region darstellen.

Denkmal für die Bergbaugeschichte


Über diese Tour:

  • 📍 Region: Kelmis, Montzen, Lontzen, Hauet (Ostbelgien)
  • 📅 Datum: 8. Februar 2026
  • 🚶 Streckenlänge: ca. 15-20 km
  • ⏱️ Dauer: Halbtages- bis Ganztagestour
  • 📸 Ausrüstung: iPhone 17 Pro

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