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Lüttich by night: keine große Liebe

Es ist bereits 18 Uhr. Außerhalb von Lüttich, ich laufe lange Zeit bergab durch triste und menschenleere Vororte. Immer wieder liegen Gerüche von Marihuana in der Luft. Bei meinem letzten Ausflug habe ich Lüttich kurz gestreift. Das sah nicht schön aus. Aber interessant. Und Interesse neue Plätze kennenzulernen habe ich immer. Also: weiter den Berg runter. Eine böse Vorahnung für die Rückreise beschleicht mich. Irgendwie muss ich den Berg ja später auch wieder hinauf.

Die tristen Vororte vermischen sich langsam mit kleinen Industrieelementen an der Maas. Die Orte sehen nicht mehr ganz so trist aus, eher so klassisch wie bei uns. Langsam nähere ich mich seitlich der Stadt, bis ich endlich an der Maas ankomme.

Es sieht nicht sehr romantisch aus. Große mit betongrauen und anderen tristen Fassadenfarben dekorierte Hochhäuser reihen sich längs der Maas auf. Direkt am Ufer, nur eine Straße breit entfernt. Schön ist anders. Ich laufe über diverse Brücken und hoffe darauf, ein anderes Lüttich zu finden. Mit historischen und prunkvollen Bauten. Das stellt sich aber nicht ein, vielleicht ja weiter im Kern.

Schließlich komme ich an die St. Pauls Kathedrale. Im Internet habe ich tolle Bilder gesehen, wie es dort drinnen ausschaut. Von Außen kann ich die Begeisterung leide nicht teilen, zumal dort gerade Bauarbeiten stattfinden. Weiter gehts Richtung Innenstadt. Hier finden sich die üblichen Geschäfte mit den üblichen Marken. Es ist Sonntag – viel ist hier nicht los. Hier und da sehe ich lauschige Restaurants mit offenen Terrassen zur Straße hin. Meine ersten positiven Eindrücke bei dieser Tour heute.

Ich gelange auf einen großen Platz mit einem Museum: dem Archéoforum. Dieser Platz und die Gebäude geben sich wenigstens Mühe etwas stilvoller auszusehen. Diese Plätze bleiben dann aber doch leider die Ausnahme.

Endlich komme ich an die Stelle, die ich eigentlich auch schon gesucht habe. Die riesige Treppe zum Montagne de Bueren. Nichts wie rauf dort. Die anliegenden Häuser an der Treppe geben auch wieder ein nettes Bild ab. Ich mühe mich die 374 Stufen zählende Treppe hinauf. Oben angekommen tangiere ich die Citadelle de Liège, die direkt am Krankenhaus CHR liegt. Was soll ich sagen: noch ein grauer Bunker. Ich umrunde das Gebäude und entkomme dann weit oberhalb von Lüttich ins Grüne. Mittlerweile regnet es auch wieder. Passend zu tristen Kulissen nun auch tristes Wetter.

Ich arbeite mich langsam bergab, zurück auf das Niveau der Maas. Und schon bin ich wieder mitten im miefigen Vorort-Grau und darf dann vor der Maasüberquerung noch einen Hauch DDR-Charme in Form der alten Eishalle Patinoire de Coronmeuse einatmen. Die Figur Mémorial Albert Ier ist zwar durchaus beindruckend, komplettiert aber auch meinem Eindruck der Ostalgie.

Nichts wie zurück auf die andere Seite der Maas. Auch die letzten Industrieanlagen, inklusive des Geländes der Jupiler Brauerei, lösen wenig Begeisterung aus. Ich folge einer Straße auf meinem vermeintlichen Rückweg. Zur Kontrolle werfe ich einen Blick auf die Karte, die zeigt mir aber an, dass die Straße nicht die richtige ist. Leider gibt es aber nur diese eine Straße und ich muss mich entscheiden: entweder ganz zurück nach Lüttich oder einfach ohne Rücksicht auf Verluste der gewünschten Himmelsrichtung folgen.

Nach 19 Kilometern fällt die Entscheidung zwischen Umweg oder Abkürzung überraschend einfach aus. Es geht also ab in die Büsche. Der Wald ist eigentlich gut begehbar, wäre da nicht eine ca. 10% Steigung in der Strecke. Ich habe es ja bereits geahnt zu Beginn, als ich den Berg hinab in die Stadt gelaufen bin. Das ist also mein Rückweg mit Berg – nur eben mitten im Wald und ohne richtigen Weg. Die Sonne geht langsam unter. Ich sollte schleunigst wieder aus dem Wald herauskommen. Irgendwie gelingt mir das auch, nachdem ich ca. 200 Meter weiter den Abhang hoch gelaufen bin. Immer noch kein Weg in die richtige Richtung. Jetzt ist es auch egal: ab über den nächsten Zaun, durch kniehohes, nasses Gras durch die Wiesen bis zum nächsten Wald. In dem Wald laufe ich in der Nähe der Straße – aber eben nicht auf der Straße. Irgendwie finde ich nicht dorthin. Der Wald verdunkelt sich unaufhaltsam, daher noch eine Überquerung Luftlinie zur Straße hin, die ich dann bei Dunkelheit auch endlich erreiche. Jetzt kann es nicht mehr weit sein.

Ich erreiche den Zielort Saive. Bekannt kommt mir hier nichts vor. Ich verwende mein Handy, um den Ausgangspunkt zu finden. Das Handy gibt mir zu verstehen, dass der Akku bald leer ist. Ich verstehe: ohne Handy werde ich den Punkt nicht finden. Jetzt wird es aber wirklich Zeit. Ich folge dem blinkenden Punkt auf der Karte, der langsam immer näher kommt. Ich erkenne immer noch keine Straßen oder Häuser wieder. Kurz kommt mir ein böser Gedanke: was, wenn die App zu Beginn nicht richtig mitgeschnitten hat und ich zu einem Punkt  mitten im Nirgendwo laufe. Das wäre ja nicht das erste mal.

Einmal um die Ecke noch: da, diese Häuserecke muss es sein. Und ja, das ist sie auch und so geht ein Tag im Dunkeln bei tristem Wetter in einer tristen Stadt zu Ende. Ich beschließe, dass hier meine Erkundungstour in dieser Richtung der Maas erst einmal enden wird und ich mir andere Flecken zum Erkunden aussuchen werde.